Werkliste(Arabisch) .   INAMO • Nr. 16, Winter 98 Heft   
 

Nayef Ballouz (1931-1998)

 

 

Alexander Flores

 

 

Ende August 1998 starb nach längerer Krankheit der syrische Philosoph Nayef Ballouz. 1931 geboren, studierte Nayef Ballouz in Damaskus Philosophie, war mehrere Jahre als Lehrer in Syrien tätig, absolvierte seinen Militärdienst und verbrachte von 1959 an ungefähr zehn Jahre im Ausland: zuerst als Journalist im Libanon, dann

als akademischer Lehrer für Arabistik in China und schließlich in der DDR, wo er in Philosophie promovierte. 1969 kehrte er nach Syrien zurück und war seit dieser Zeit bis zu seinem Tod als Dozent, später als Professor der Philosophie an der Universität Damaskus tätig.

Nayef Ballouz gehörte zu der Generation von arabischen Intellektuellen, die sich in der Aufbruchstimmung nach der Entkolonisierung mit großem Engagement und Enthus-iasmus der Entwicklung ihrer Länder verschrieben. Es ging dabei um die völlige Befreiung der arabischen Gesell-schaften, die auch ein glücklicheres Leben der Menschen ermöglichen sollte. Streben nach vollständiger nationaler Befreiung, konsequenter Nationalismus mit Öffnung nach links, Eingliederung in das seinerzeit populäre „Dritte-Welt-Paradigma" mit Antiimperialismus, Guerillakrieg usw., im arabischen Osten noch einmal zugespitzt in der Palästinaproblematik - das alles führte zu intensi­ven Diskussionen und schlug sich in vielen Publikationen nieder, deren Höhepunkt in den späten 60er und 70er Jahre lag. Da blieben denn auch Illusionen und revolutionäre Phrasen nicht aus. Nayef Ballouz behielt bei allem Engagement den kühlen analytischen Kopf, und das war in der beschriebenen Situation auch nötig. Wollte man im Fieber des revolutionären Enthusiasmus den Überblick nicht verlieren, brauchte man Leute, die nüchtern blie­ben. Und mehr noch: Als mit der Konsolidierung der 70er Jahre alle kurzfristigen Hoffnungen auf völlige Befreiung und revolutionäre Veränderung zerstoben, war der klare Blick auf die realen Verhältnisse das notwendige Mittel gegen völlige Verzweiflung. Und daß Nayef Ballouz ein klarer Kopf und scharfer Analytiker war, war in seinem Umkreis, aber auch weit darüber hinaus, bekannt. So wurde sein Rat von linken und nationalistischen Kräften aus der ganzen arabischen Welt gesucht. Da aber seine Analyse oft unerbittlich ausfiel, fand sie keineswegs immer dankbare Aufnahme und machte ihm auch Gegner. Nayef Ballouz war nicht der Mann der zahlreichen, schnell zusammen-geschusterten Publikationen. Er spürte vielmehr stets das Bedürfnis nach gründlicher, sehr tiefgehender, auch historisch weit ausholender Analyse. Das trieb ihn zu den Studien, die in seine Berliner Dissertation mündeten, in der er Verbindungslinien zwischen der gnostischen Philosophie und der Entstehung des Islam zeigte:

„Der frühe Islam und seine geisteskulturelle Vor-geschichte." Die Veröffentlichung dieser Monographie, die in der DDR vorgesehen war, wurde durch die Intervention der syrischen KP-Spitze bei der DDR-Führung verhindert, weil ihr Inhalt als möglicherweise zu brisant - und damit störend - beargwöhnt wurde. Dabei war Nayef Ballouz Marxist; zeitweilig war er im Umkreis der Kommunistischen Partei aktiv. Er war aber ein zu großer und unabhängiger Kopf, um die auch theoretisch einengende Parteidisziplin auf die Dauer zu ertragen.

Seine ureigene Wirkungsmethode war die mündliche Kommunikation: Vortrag, Unterhaltung, Streitgespräch. Kaum abzuschätzen, was er als akademischer Lehrer leistete, wie sehr er auf seine Studentinnen und Studenten wirkte. Er gab sich große Mühe mit ihrer Betreuung - auf eine mündliche Prüfung bereitete er sich oft so gründlich vor, daß man meinen konnte, er sei der Prüfling. Demensprechend wurde er auch geschätzt, ja geradezu verehrt. Bei aller Unerfreulichkeit der Situation verlor Ballouz doch nicht den Mut, den Glauben an die Notwendigkeit und Machbarkeit von positiven gesellschaftlichen Veränderungen und die Lebensfreude. Nayef Ballouz war voller Esprit und Charme; unterstützt von seiner Familie konnte er der vollendete Gastgeber sein. Unvergeßlich bleibt, wie er im Kreis von Kollegen und Freunden schlagfertig seinen Geist funkeln ließ und die Unterhaltung einen ganzen Abend lang beherrschte, ohne penetrant zu werden. Die Umstände in Syrien der letzten Jahrzehnte erforderten, wenn man nicht mit dem Strom schwamm, politische Zurückhaltung und Kompromisse. Dem konnte sich auch Nayef Ballouz nicht ganz entziehen. Das Ausnutzen von Beziehungen, die Mitnahme von Vorteilen oder gar das geistige Söldnertum, das bei arabischen Intellektuellen verbreitet ist, machte er allerdings nie mit. Ja er setzte sich sogar prononciert - und gelegentlich schroff - dagegen ab. Auch dadurch war er unbequem und machte sich Feinde.

Nayef Ballouz' letzte Lebensjahre waren durch eine Krankheit überschattet, die seine Arbeitsfähigkeit gerade auf seinem ureigensten Gebiet einschränkte: dem unmittelbaren Kontakt mit Menschen als Lehrer. Darunter litt er sehr, und es war besonders erfreulich, daß in der letzten Zeit eine Besserung seines Zustandes eingetreten war, die ihm mit Veröffentlichungen und mehreren vielbeachteten öffentlichen Vorträgen, z. B. über Ibn Rushd aus Anlaß des 800sten Todesjahres, verstärkte Aktivitäten gestattete. Um so einschneidender und schmerzlicher ist sein plötzlicher Tod.

Mit Nayef Ballouz ist einer der wichtigsten Denker der arabischen Welt gestorben. Für viele geht mit seinem Tod eine Epoche zu Ende. Solche Köpfe wachsen nicht beliebig nach. Um so wichtiger ist es, an seine Person, sein Wirken und seinen Platz in der jüngsten arabischen Geistesgeschichte zu erinnern.